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19. März 2019

 

 

Rätschen

 

Ein verhülltes Altarbild, eine schweigende Orgel, schweigende Glocken, so präsentiert sich die katholische Pfarrkirche St. Birgitta während der beiden Kartage. Statt dessen erfüllt ein lautes Knattern die Luft in den Straßen und Gassen und ruft statt der Glocken zum Gebet oder zum Gottesdienst. 

Martin Schäfer, der in der katholischen Pfarrgemeinde die Ministranten betreut, erklärt gerne den in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz gelebten Brauch. Den Kinder wurde früher erzählt, daß die Glocken oder deren Klöppel auf der Reise nach Rom zum Beichten oder Reisbreiessen seien. Der tatsächliche Grund ist jedoch, daß Orgel und Glocken ihren Charakteren nach feierlich und majestätisch klingen und ihr Klang während der in der Bibel überlieferten Leidenszeit Jesus als unangemessen gilt.

Mit Ende des Gloria im Abendgottesdienst des Gründonnerstag verstummen Orgel und Glocken. Ihren Platz nehmen die aus Holz gefertigten Rätschen ein, die mit lautem Geknatter den Glockendienst übernehmen. Sie zu bedienen ist Aufgabe der Meßdiener. Mit einer Kurbel werden Hämmer angehoben, die mit lauten Krachen auf einen hölzernen Resonanzkasten prallen.

Im Kirchturm sind dieses Jahr drei ganz große Rätschen aufgestellt, die laut die Gläubigen zum Gebet und zum Gottesdienst rufen.

Am Karfreitagmorgen erklimmen die ersten Ministranten die steilen Treppen zum Raum unter den Glocken des Kirchturmes kurz vor sechs Uhr morgens, um pünktlich zum Angelusgebet an den Kurbeln zu drehen. Danach sind alle zum Frühstück bei Pfarrer Michael Dafferner eingeladen. Das nächste Rätschen erfolgt dann zu Mittag. Jeweils eine Viertelstunde vor Gottesdienstbeginn erschallt das Knattern erneut, um die Gläubigen an ihre Pflicht zu erinnern.

Am Karsamstag erschallt der Ruf der Rätschen erneut am frühen Morgen. Nach einem gemeinsamen Frühstück ziehen die Ministranten mit kleinen Handrätschen durch den Ort, um ihren Ministrantenlohn einzufordern, der in früheren Zeiten aus Eiern, dem Symbol des Lebens, und anderen Lebensmitteln bestand, die dann am Ostermontag in einem großen Fest gemeinsam vertilgt worden seien, erzählt Schäfer von früher. Heute seien den Ministranten Süßigkeiten lieber. Die Tour durch den Ort dauert etwa bis halb Zwölf, denn schließlich müssen um Zwölf zum zweiten Angelusgebet wieder die Kurbeln auf dem Kirchturm gedreht werden.

Am Samstagnachmittag um Drei ersetzen die Rätschen das Sonntagsläuten. Ein letztes Mal erschallt ihr Ruf, um die Gläubigen zum Auferstehungsgottesdienst am Samstagabend zu rufen.

Einige der Rätschen sind bereits von Generationen von Ministranten gedreht worden. Die größte und älteste stammt aus den 1950ern/1960ern. Den letzten Feinschliff erhielt sie dieses Jahr von den Ministranten Markus Schneider und Tim Bosler, der damit in die Fußstapfen seiner Vaters Michael Bosler tritt, der die Rätschen seit Jahren wartet.

Schon die jungen Ministranten seien mit Eifer bei der Sache, so berichtet Betreuer Schäfer, denn es habe schon etwas von Abenteuer an sich, Krach machend durch den Ort zu ziehen. Außerdem gehöre man halt damit auch einfach zu den „Großen“.

 

 

 

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